Wer in den letzten Monaten durch Innenstädte gelaufen ist, wird sie wahrscheinlich schon gesehen haben. Die Flyer für das nächste Stadtfest. Das Plakat vom Streetfood-Festival. Der Aushang im Schaufenster der neuen Bar. Die Werbung für den Flohmarkt, das Vereinsfest oder die nächste Party. Obwohl sie völlig unterschiedliche Dinge bewerben, haben sie oft etwas gemeinsam: Sie sehen alle erstaunlich ähnlich aus.
Genau darüber diskutiert die Designwelt derzeit. In sozialen Netzwerken ist sogar von der „KI-Flyer-Pandemie“ oder der „schlimmsten Ära des Designs“ die Rede. Übertrieben? Vielleicht. Doch wer den typischen KI-Look einmal erkannt hat, wird ihn plötzlich überall entdecken – auf Flyern, Plakaten und digitalen Werbeanzeigen.

Plötzlich sehen alle Flyer gleich aus
Hat man den Stil einmal erkannt, lässt er sich kaum noch übersehen.
Um das selbst zu testen, haben wir mehrere neue Chats mit einer KI gestartet. Der simple Prompt war jedes Mal fast identisch. „Generiere mir einen Plakat für einen Nachbarschaftsfest, der spaß macht in [Stadt]“. Lediglich die Stadt wurde geändert – von Osnabrück über Hamburg bis nach Münster und Leipzig.

Das Ergebnis überrascht (nicht). Die Hintergründe wechseln. Die Stadtnamen ändern sich. Doch die Gestaltung bleibt fast identisch.
- dieselben bunten Pinselstriche
- dieselbe handschriftähnliche Typografie
- dieselben Sticker und Icons
- dieselben Farbflächen
- dieselbe Informationsstruktur
- Pure Reizüberfllutung
Auf den ersten Blick wirken die Flyer unterschiedlich. Schaut man genauer hin, erkennt man jedoch immer wieder dieselben Gestaltungsmuster. Genau das ist der Grund, warum viele Menschen den typischen KI-Look inzwischen sofort wiedererkennen.
Aus einiger Entfernung erkennt man oft gar nicht mehr, welches Plakat eigentlich für welche Stadt gedacht ist. Die Motive ändern sich, die Namen wechseln – die Gestaltung bleibt nahezu identisch. Genau das ist für ein Plakat problematisch. Es soll Aufmerksamkeit erzeugen und im Gedächtnis bleiben. Wenn jedoch vier verschiedene Städte auf den ersten Blick gleich aussehen, verliert jede einzelne Gestaltung an Eigenständigkeit.

Auf der anderen Seite möchte jedes Element Aufmerksamkeit erzeugen. Das Problem ist nur: Alle wollen gleichzeitig Aufmerksamkeit.
Dadurch entsteht keine Hierarchie mehr. Das Auge weiß gar nicht, wo es zuerst hinschauen soll. Jede Ecke schreit nach Aufmerksamkeit. Jede Information wirkt gleich wichtig.
Am Ende passiert genau das Gegenteil von guter Gestaltung. Der Blick springt unruhig über den Flyer, ohne einen klaren Einstieg zu finden. Statt Orientierung entsteht Reizüberflutung.
Noch spannender wird es, wenn man mehrere dieser Gestaltungen hintereinander sieht. Plötzlich erkennt man immer dieselben Muster. Die Farben wechseln. Die Motive wechseln. Der Aufbau bleibt fast identisch.
Genau deshalb sprechen viele inzwischen von einer KI-Flyer-Pandemie. Nicht weil jeder Flyer gleich aussieht, sondern weil alle nach demselben Prinzip gestaltet sind.
„Wer alles hervorhebt, hebt am Ende nichts mehr hervor.“ – Wahrscheinlich ein bekannter Designer
Warum man den KI-Look sofort erkennt
Vor einem Jahr wurde noch darüber diskutiert, ob Menschen KI-generierte Bilder überhaupt erkennen können.
Heute geht es längst nicht mehr um zusätzliche Finger oder schiefe Schatten.
Der typische KI-Look hat sich inzwischen zu einer eigenen Bildsprache entwickelt. Perfekt ausgeleuchtete Motive, glänzende Oberflächen und möglichst viele grafische Elemente sollen Aufmerksamkeit erzeugen. Genau dadurch wirken viele Gestaltungen inzwischen aber erstaunlich ähnlich.
39% der Gen Z äußern sich negativ zu KI-Werbung
Studie des Branchenverbands IAB (gemeinsam mit Sonata Insights, Januar 2026)
Das eigentliche Problem ist also nicht die künstliche Intelligenz selbst. Das Problem ist, dass immer mehr Menschen dieselben Werkzeuge auf dieselbe Weise einsetzen.
Interessant ist, dass sich diese Entwicklung inzwischen sogar in Studien zeigt. Eine Untersuchung des Branchenverbands IAB gemeinsam mit Sonata Insights zeigt, dass besonders junge Menschen KI-generierter Werbung zunehmend kritisch gegenüberstehen. 39 Prozent der Gen Z bewerten KI-Werbung negativ – bei den Millennials sind es nur 20 Prozent.

Noch spannender ist jedoch eine andere Zahl. 82 Prozent der befragten Werbe-Führungskräfte glaubten, junge Menschen würden KI-generierte Werbung positiv wahrnehmen. Tatsächlich waren es gerade einmal 45 Prozent. Die Wahrnehmung der Branche und die Realität liegen also erstaunlich weit auseinander.
Das bedeutet allerdings nicht, dass junge Menschen künstliche Intelligenz grundsätzlich ablehnen. Vielmehr reagieren sie sensibel auf Gestaltungen, die beliebig oder lieblos wirken. Genau deshalb fällt der typische KI-Look inzwischen so schnell auf.
Wie aus einem Internet-Meme eine Design-Debatte wurde
Der Begriff „KI-Flyer-Pandemie“ stammt ursprünglich aus den sozialen Medien. Auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder Reddit teilten immer mehr Nutzer Beispiele von Flyern und Plakaten, die sich verblüffend ähnlich sahen. Aus einzelnen Beiträgen wurde schnell ein Running Gag – und irgendwann eine ernsthafte Diskussion.
Richtig bekannt wurde das Thema durch den Journalisten Jason Koebler, der die Entwicklung bei 404 Media aufgriff. Dort sammelte er zahlreiche Beispiele aus verschiedenen Ländern und zeigte, dass der Stil längst nicht mehr nur online existiert. Die gleichen Gestaltungen hängen heute an Litfaßsäulen, kleben in Schaufenstern oder werden als Flyer verteilt.

Spätestens an diesem Punkt wurde klar: Es handelt sich nicht um einzelne Beispiele, sondern um einen neuen Designtrend.
Warum KI immer wieder dieselben Gestaltungen erzeugt
Eigentlich überrascht diese Entwicklung kaum. Generative KI entwickelt keinen eigenen Stil. Stattdessen analysiert sie Millionen bestehender Designs und berechnet daraus die wahrscheinlichste Lösung. Fragt jemand nach einem Flyer für ein Sommerfest oder einem Plakat für ein Konzert, orientiert sich das Modell an den Gestaltungen, die es bereits kennt.
Genau darin liegt das Problem. Millionen Menschen nutzen dieselben Werkzeuge. Millionen Menschen stellen ähnliche Anfragen. Und Millionen Menschen erhalten dadurch sehr ähnliche Ergebnisse.
Die KI kopiert dabei keine bestehenden Flyer oder Plakate. Sie reproduziert vielmehr den Durchschnitt dessen, was sie gelernt hat. Genau deshalb wirken viele Ergebnisse sauber und professionell – aber gleichzeitig erstaunlich austauschbar.
Es geht längst nicht mehr nur um Flyer
Mittlerweile betrifft dieses Phänomen längst nicht mehr nur Flyer oder Plakate. Unter dem Begriff „AI Slop“ diskutieren Designer inzwischen eine viel größere Entwicklung. Gemeint sind Inhalte, die technisch hochwertig aussehen, aber kaum noch eine eigene Handschrift besitzen. Dazu gehören Websites, Social-Media-Grafiken, Präsentationen oder Werbeanzeigen genauso wie klassische Printmedien.
Je häufiger diese Inhalte entstehen, desto ähnlicher wirkt die gesamte Gestaltung. Genau deshalb setzen viele Designer inzwischen wieder bewusst auf echte Fotografien, Illustrationen oder sichtbar handgemachte Elemente. Persönlichkeit wird langsam wieder wichtiger als technische Perfektion.
Warum der KI-Look inzwischen zum Nachteil wird
Vor einem Jahr wirkte dieser Stil noch modern. Heute passiert genau das Gegenteil. Viele Menschen erkennen einen KI-Flyer inzwischen auf den ersten Blick. Das Problem ist dabei nicht die künstliche Intelligenz selbst, sondern dass sich ihre typische Gestaltung immer stärker wiederholt. Sobald ein Flyer aussieht wie viele andere zuvor, verliert er genau das, was Werbung eigentlich erreichen soll: Aufmerksamkeit.
Design transportiert immer auch eine Botschaft. Ein liebevoll gestalteter Flyer signalisiert, dass sich jemand Gedanken gemacht hat. Ein austauschbares Layout wirkt dagegen schnell beliebig – unabhängig davon, wie gut die eigentliche Veranstaltung oder das Angebot ist. Ob dieser Eindruck fair ist, spielt dabei kaum eine Rolle. Der erste Eindruck entsteht innerhalb weniger Sekunden und genau dieser entscheidet häufig darüber, ob jemand weiterlesen möchte oder eben nicht.
Die Ironie hinter den KI-Generatoren
Fast alle KI-Tools werben mit individuellen Designs und grenzenloser Kreativität. In der Praxis entsteht jedoch häufig das Gegenteil. Millionen Menschen nutzen dieselben Programme und geben ähnliche Prompts ein. Die KI berechnet daraus die wahrscheinlichste Lösung – und genau deshalb ähneln sich die Ergebnisse so stark.
Das liegt nicht daran, dass die Technologie schlecht wäre. Sie funktioniert genau so, wie sie entwickelt wurde. Sie orientiert sich am Durchschnitt vorhandener Gestaltung und erzeugt daraus neue Varianten. Je häufiger diese wiederum im Internet auftauchen, desto stärker beeinflussen sie zukünftige Modelle. So entsteht Schritt für Schritt eine Ästhetik, die immer ähnlicher wird.
Designer sprechen inzwischen von „AI Slop“/„KI-Slop“
Für dieses Phänomen hat sich inzwischen sogar ein eigener Begriff etabliert: AI Slop. Gemeint sind Inhalte, die technisch sauber aussehen, aber kaum noch eine eigene Handschrift besitzen. Der Begriff beschreibt längst nicht mehr nur Flyer oder Plakate. Auch Websites, Logos, Social-Media-Grafiken oder Präsentationen werden immer häufiger so bezeichnet, wenn sie offensichtlich demselben KI-Muster folgen.
Menschliches Design wird wieder wertvoll
Vielleicht ist genau das die spannendste Entwicklung. Je mehr perfekte KI-Grafiken entstehen, desto stärker wächst der Wunsch nach Gestaltung mit Persönlichkeit. Handschrift, Illustrationen, Papierstrukturen, Körnung oder echte Fotografien erleben gerade ein Comeback. Sie wirken nicht deshalb besser, weil sie unperfekt sind. Sie wirken besser, weil man erkennt, dass ein Mensch dahinter steckt.
Genau deshalb setzen viele aktuelle Designtrends wieder stärker auf Charakter statt Perfektion. Wir haben darüber bereits in unserem Beitrag zum Naive Design geschrieben. Auch dort zeigt sich derselbe Gedanke: Menschen suchen heute weniger nach makelloser Gestaltung als nach einer eigenen Handschrift.
Vielleicht ist das gar nicht die schlimmste Ära des Designs
Vielleicht erleben wir gerade einfach den Moment, in dem ein neues Werkzeug für alle verfügbar geworden ist. Das hat es in der Designgeschichte schon häufiger gegeben. Anfangs sieht alles neu und spannend aus. Dann nutzen plötzlich alle dieselben Möglichkeiten. Erst danach entwickeln sich wieder eigene Stile und neue gestalterische Ideen.
Vielleicht ist die „schlimmste Ära des Designs“ also weniger eine Katastrophe als eine Übergangsphase — der Moment, in dem ein neues Werkzeug massentauglich wird, bevor Geschmack und Können nachziehen.
Und interessanterweise verschiebt sich dadurch, was Menschen überhaupt schätzen. Wenn jemand einfach kurz Canva geöffnet, eine Vorlage als Ausgangspunkt genommen, ein paar Dinge angepasst, seine eigenen Fotos eingefügt, seine eigene Farbe und sein eigenes Logo gesetzt hat – dann kommt genau das oft besser an als das durchgestylte KI-Plakat.
Wichtig: Es geht nicht darum, einfach irgendeine Vorlage zu nehmen und fertig – dann landet man beim gleichen austauschbaren Look wie alle anderen. Der Unterschied entsteht durch das Eigene, das man reinbringt: die echten Bilder, die eigene Marke, die kleinen Entscheidungen. Nicht, weil das Ergebnis perfekter ist, sondern weil man merkt: Da hat sich jemand tatsächlich hingesetzt und es zu seinem gemacht. Das eigene Handwerk, so klein es auch sein mag, wird gerade wieder wertgeschätzt. Je mehr generische KI-Ware die Feeds und Wände flutet, desto mehr rückt der Mensch dahinter in den Fokus – die Handschrift, der Aufwand, das Persönliche.
Die eigentliche Lektion ist am Ende zeitlos: Ein handgeschriebenes Schild mit Edding oder ein schlichtes, selbst zusammengeschustertes Plakat, das in einer Sekunde sagt, was Sache ist, schlägt jeden überladenen KI-Aushang. Weil es menschlich ist.
Und Menschen fiebern nun mal mit Menschen mit. (Erstmal)
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